Nachdem das Karate-Welt-Seminar unseres Verbandes, der World Matsubayahsi Ryu Karate Do Association (WMKA), auf November 2021 verschoben wurde, gaben sich einige Verbandsmitglieder, nicht zufrieden und entwickelten ein alternatives Onlineformat.
Unter dem Titel „WMKA 2020 Worldwide Virtual Event and Memorial Tribute of Grandmaster Shoshin Nagamine“ wurde dieses Eventformat den okinawanischen Meistern und dem Verbandspräsidium vorgestellt und um Unterstützung geworben.
Mit Erfolg erklärten sich der Verbandspräsident Yoshitaka Taira (Hanshi, 10. Dan) und Vizepräsident Toshimitsu Arakaki (ebenfalls Hanshi, 10. Dan) bereit bei der Veranstaltung als Lehrende live zu unterrichten.
WMKA – Präsident
Yoshitaka Taira
(Hanshi, 10. Dan)
WMKA – Vizepräsident
Toshimitsu Arakaki
(Hanshi, 10. Dan)
Unter Berücksichtigung der Zeitverschiebung zwischen Japan und den übrigen Ländern (in Deutschland beträgt die Zeitverschiebung 9 Stunden) und der Möglichkeit das jedes Dojo und deren Mitglieder an dem Online-Seminar teilnehmen können, einigten sich die Initiatoren mit den beiden Referenten auf 2 Trainingseinheiten. Nach japanischer Zeit fand ein Training um 8 Uhr morgens Ortszeit statt, bei dem Präsident Taira das Training leitete. In Deutschland war dieses Training um 0 Uhr, also mitten in der Nacht. Das Training, bei dem Vizepräsident Arakaki unterrichtete, fiel auf eine für Europäer günstigere Zeit – nämlich 12 Uhr mittags. Zu dieser Zeit war es auf Okinawa 20 Uhr abends.
Auch unser Dojo war bei dieser erstmaligen Eventform vertreten. Meisterin Jeannette Prescher hatte sich zu beiden Trainingseinheiten angemeldet und berichtet nachfolgend von ihrem Erlebnis:
„Als die Einladung kam, haben wir uns im Trainerteam sehr gefreut und hofften gemeinsam am Online-Seminar in unserer Turnhalle teilnehmen zu können. Doch diese Hoffnung starb mit der lockdownbedingten Hallenschließung. Uns blieb also nur eine Teilnahme in den eigenen vier Wänden übrig. Bevor es losgehen konnte, musste ich aber erstmal unsere Möbel aus dem Weg räumen, so dass ich mindestens Platz für 5 Schritte hatte. Da ich das „Möbel-Tetris“ aber nicht mitten in der Nacht „spielen“ wollte, rückte ich schon am späten Nachmittag die Möbel. So gegen 22 Uhr schaute ich das erste Mal auf die Uhr mit dem Wunsch nach Schlaf. Ich entschied mich, dann doch wach zu bleiben und die erste Trainingseinheit durchzuziehen. Kurz vor Mitternacht war es dann soweit und ich loggte mich bei der Videokonferenz ein. Neben mir und den japanischen Meistern traf ich auf andere Karateka aus Nord- und Südamerika, Neuseeland, Australien, Japan, aber auch aus Europa wie Norwegen und Irland. Bei dieser Session waren über 150 Teilnehmende anwesend. Das Training selbst begann traditionell mit einer Begrüßung und einer Rede von Taira Sensei – glücklicherweise wurde die Rede ins Englische übersetzt. Nach der Rede kam das Aufwärmen, das durch einen Schüler aus Taira Senseis Dojo angeleitet wurde. Es folgten die klassische Grundschule und einige ausgewählte Bewegungsformen aus den unterschiedlichen Graduierungsbereichen. In der Zwischenzeit war es 1:45 Uhr und ich sehnte mich nach Schlaf. Die Bewegungen fielen mir immer schwerer und die Konzentration schwand rapide. Gegen 2 Uhr war das Training dann geschafft und ich wollte nur noch ins Bett.
Zehn Stunden später stand dann die zweite Trainingseinheit unter Arakaki Sensei auf dem Programm. Noch völlig fertig vom Nachttraining, kostete es mich einiges an Überwindung das Arakaki-Training zu absolvieren. Ähnlich wie in der Nacht begann es wieder mit der Begrüßung und einer Rede. In dieser Rede gab Arakaki Sensei allen Teilnehmenden den Rat „Kuchi Bushi Dame“.
Übersetzt bedeutet dieser Rat, dass man nicht zu einem Karateka werden sollte, der nur über sein Karate spricht und nicht den Weg des Karate selbst beschreitet – also es nicht aktiv trainiert.
Im Anschluss ging es dann mit der Aufwärmphase und der Grundschule weiter. Bei den anschließenden Bewegungsformen war ich so erschöpft, dass ich das Denken im wahrsten Sinne des Wortes eingestellt hatte. Gedanken, wie zum Beispiel in welche Richtung ich mich als nächstes Drehen muss oder welche Techniken folgen, waren völlig ausgeschaltet. Im Kopf war nur noch Leere und der Körper funktionierte so wie ich es seit Jahrzehnten verinnerlicht hatte. Ich fühlte mich im perfekten Flow. Die letzte Trainingsstunde verging dann so schnell, dass ich mich an den Inhalt nicht mehr erinnern kann, aber das Gefühl und die Erfahrung die ich bei dieser Trainingseinheit gemacht habe, wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.
Rückblickend betrachtet war es ein gutes Online-Training und es war auch schön andere Karateka zu sehen und gemeinsam zu trainieren.
Mir fehlt es allerdings an direkten Technikkorrekturen – denn nur wenn ich meine Fehler erkenne, kann ich diese verbessern und meinen Bewegungsablauf perfektionieren.
Aber auch verbindende Aspekte, wie das gemeinsame Lachen oder das Rascheln der Karate-Kleidung zu hören, habe ich sehr vermisst.
Wenn ich die Wahl zwischen Online- oder Präsenztraining hätte, würde ich definitiv die Präsenzvariante wählen und so bleibt die Hoffnung auf ein reales Wiedersehen im November 2021 – beim Karate-Welt-Seminar.“