Eine freudige Stimmung liegt am frühen Morgen in der Sporthalle der Grundschule in Upgant-Schott in der Luft. Laute Stimmen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands wie auch den Niederlanden sind zu vernehmen. Doch diese Stimmen verstummen respektvoll, als der norwegische Karate-Großmeister Ole-Björn Tuftedal, (Träger des 7. Dan) die Halle betritt und seinen Blick durch die Sporthalle schweifen lässt. Mit einem Mal ist es mucksmäuschen still. Zielgerichtet steuert der Großmeister die Längsseite an, wo ein Podest mit einem gerahmten Bild vom Shoshin Nagamine, dem Begründer der Stilrichtung Matsubayashi Shorin Ryu Karate, steht.

 

Tuftedal Sensei verneigt sich ehrfürchtig vor dem Bild und wendet sich den Teilnehmern zu. Sofort erschallt das japanische Wort „Shugo“, worauf hin sich die Karateka in ihren weiß strahlenden Karate-Anzügen schnell und zügig in einer Linie mit Blickrichtung Podest anordnen, um mit Tuftedal Sensei gemeinsam nieder zu knien. Danach verbeugen sie sich zugleich. Nachdem sich der Karate-Meister zu den Karateka umgedreht hat, schließen alle Sportler die Augen. Es herrscht absolute Stille, in der selbst die anwesenden Zuschauer bewegungslos auf ihren Plätzen sitzen und verharren. Nach einigen Minuten folgen weitere japanische Worte, worauf hin sich jeder erneut verneigt.

„Dieses traditionelle Begrüßungsritual ist für uns Karateka sehr wichtig,“ erzählt Frank Stigler, Träger des braunen Gürtels und Karate-Trainer im Osteeler Turnverein. „In diesen stillen Minuten legt jeder Karateka seine Alltagsgedanken ab und fokussiert sich auf das kommende, anstrengende Training,“ beschreibt Stigler weiter. „Für mich persönlich ist es auch eine Art der Geduldsprüfung, denn eigentlich freut man sich auf das gemeinsame Training mit Gleichgesinnten und will sofort starten, aber der Geist ist noch nicht willig.“

 

„Für mich persönlich ist es eine Geduldsprüfung.“

Frank Stigler
Frank Stigler, OTV-Trainer

„Nur durch die Einigkeit von Körper und Geist ist es möglich die Bewegungstechniken zu perfektionieren und zeitgleich zu genießen,“ erläutert Meisterin Jeannette Prescher näher. Sie ist seit vielen Jahren Leiterin der Osteeler Karate-Abteilung und direkte Schülerin des Großmeisters Tuftedal. „Es freut mich sehr, dass ich den Meister nach 7 Jahren wieder für einen längeren Trainingsbesuch im Osteeler Turnverein gewinnen konnte. Es ist nicht leicht einen Seminartermin bei Tuftedal Sensei zu erhalten,“ verrät sie.

Wie beliebt der Norweger ist, zeigt sich in den Gesichtern der Karateka. Voller Wissbegier saugen die großen und kleinen Karateka die Worte des Meisters auf. „Es ist schon etwas Besonderes und eine große Ehre für mich von Tuftedal Sensei zu lernen,“ sagt die 14-jährige Emely Knöchel. Sie hat sich extra von der Schule beurlauben lassen, um auch an den Trainingseinheiten in der vorangegangenen Woche teilnehmen zu können.

Für viele der anwesenden Karateka ist es etwas ganz Besonderes bei dem sympathischen Meister, der mit dem 7. Dan zu den in Europa höchstgraduiertesten Meistern seiner Sportart zählt und zudem auch Präsident des europäischen Verbandes der Stilrichtung Matsubayashi Shorin Ryu Karate ist, zu trainieren. Neben den hiesigen Karateka sind auch Karateka aus weiten Teilen Deutschlands und Europas nach Upgant-Schott/Osteel gekommen.

Tuftedal Sensei (kniend)
Großmeister Tuftedal (7. Dan - Kyoshi)

 

 

 

 

 

„Hilfsbereitschaft und Respekt werden heute immer wichtiger.“

Tuftedal zeigte sich begeistert von der Neugier und dem respektvollem Umgang der Karateka untereinander: „Die Hilfsbereitschaft, der Respekt und die Leidenschaft für unser Karate sind bei meinen ostfriesischen Gastgebern sehr ausgeprägt,“ berichtet der Großmeister. „All dies sind Werte, die in der heutigen Zeit immer wichtiger werden und auch auf Okinawa, dem Ursprungsort unseres Karatestils, hoch geschätzt werden. Es war mir eine Ehre die Schülerinnen und Schüler von Prescher Sensei zu unterrichten. Ich freue mich auf das nächste Mal,“ sagt der Karate-Lehrer zum Abschluss des Trainingsbesuches.

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